Zum Tag der Deut­schen Ein­heit: Frei­heit kann anstren­gend sein

Fried­rich Merz

Deutsch­land fei­ert: Vor 30 Jah­ren sind muti­ge Frau­en und Män­ner in vie­len Städ­ten der DDR auf die Stra­ße gegan­gen und haben für ihre Frei­heit demons­triert. Am 9. Novem­ber 1989 haben sie die Mau­er vom Osten her ein­ge­drückt, nach 40 Jah­ren der Tei­lung und Unter­drü­ckung durch das men­schen­ver­ach­ten­de, auto­ri­tä­re, sozia­lis­ti­sche Sys­tem der SED-Dik­ta­tur.

Noch heu­te spü­ren wir, dass die Tei­lung und ihre Fol­gen nicht über­wun­den sind. Die deut­sche Ein­heit und ihre Fol­gen wir­ken nach. Neben groß­ar­ti­gen Erfol­gen sind Ver­let­zun­gen und Nar­ben zurück­ge­blie­ben, und auch Phan­tom­schmerz kann weh­tun. Der Osten Deutsch­lands nimmt zu Recht für sich in Anspruch, anders zu sein, auch ande­re Lebens­er­fah­run­gen ein­zu­brin­gen in unse­re gemein­sa­me Gegen­wart und Zukunft. Man­che Selbst­ver­ständ­lich­keit des Wes­tens ist kei­ne im Osten. Frei­heit kann anstren­gend sein, und nicht über­all sind die Träu­me von Wohl­stand und Sicher­heit Wirk­lich­keit gewor­den. Es ver­klärt sich ver­mut­lich auch eini­ges in der Erin­ne­rung, aber der all­zu­stän­di­ge SED-Staat war ja auch ein für­sor­gen­der Staat, wenn auch auf denk­bar nied­ri­gem Niveau und ohne grö­ße­re Auf­stiegs­per­spek­ti­ve. Aber wer sich arran­giert hat­te, konn­te Nischen fin­den in einem beschränk­ten, ver­trau­ten sozia­len Umfeld.

Für vie­le Men­schen im Osten wur­de die Wen­de zum Struk­tur­bruch, sie muss­ten mit bis dahin unbe­kann­ten Her­aus­for­de­run­gen ler­nen umzu­ge­hen. Aus dem Wes­ten kamen nicht nur die Bes­ten, eini­ge führ­ten sich auf wie Besat­zer und die neu­en Her­ren der Welt. Dar­aus ent­stand bei vie­len Ost­deut­schen ein bis heu­te vor­han­de­nes Gefühl, Deut­sche zwei­ter Klas­se zu sein, bestä­tigt durch die unver­än­der­te Domi­nanz der West­deut­schen in Unter­neh­men, Poli­tik, Jus­tiz, Ver­wal­tung und Medi­en. Hät­ten wir im Wes­ten nur halb so viel Ener­gie auf eine ange­mes­se­ne Betei­li­gung der Bür­ge Ost­deutsch­lands in allen die­sen Insti­tu­tio­nen ver­wen­det wie zum Bei­spiel auf die Frau­en­quo­te, wäre es ver­mut­lich um die inne­re Ein­heit unse­res Lan­des heu­te, drei­ßig Jah­re danach, bes­ser bestellt.

Nun nützt der Blick in den Rück­spie­gel wenig, wir müs­sen nach vorn bli­cken. Was kön­nen, was müs­sen wir heu­te tun, um die inne­re Ein­heit unse­res Lan­des im schon längst begon­ne­nen und kräf­tig wei­ter vor­an­schrei­ten­den 21. Jahr­hun­dert wirk­lich zu voll­enden? Aus mei­ner Sicht sind es drei Din­ge:

Ers­tens: Wir West­deut­schen müs­sen das Anders-Sein und das Anders-Sein-Wol­len der Ost­deut­schen nicht nur akzep­tie­ren, son­dern auch als Berei­che­rung für uns alle emp­fin­den. Der Erfah­rungs­schatz im Umgang mit gro­ßen Ver­än­de­run­gen kann uns Hin­wei­se geben, wie wir mit den gro­ßen The­men unse­rer Zeit sen­si­bel und ein­fühl­sam umge­hen. Ein­heit, Euro und Ein­wan­de­rung wer­den im Osten aus vie­len und nicht nur schlech­ten Grün­den eben anders und viel kri­ti­scher betrach­tet als im ver­än­de­rungs­er­fah­re­nen Wes­ten. Teil zwei der Ener­gie­wen­de muss daher mehr Rück­sicht vor allem auf die betrof­fe­nen Regio­nen im Osten neh­men als bis­her erkenn­bar, die Alter­na­ti­ven dort sind nicht so selbst­ver­ständ­lich wie im Wes­ten.

Zwei­tens: Ja, es ist eini­ges gesche­hen, aber im Ergeb­nis ist es ein­fach zu wenig. Vor allem die Wirt­schaft ver­harrt im Wes­ten, dabei bie­tet der Osten mit sei­nen Uni­ver­si­tä­ten und betrieb­li­chen Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten, mit sei­ner guten Infra­struk­tur und sei­nen Ver­bin­dun­gen zu Ost­eu­ro­pa groß­ar­ti­ge Chan­cen, die bis­her nicht genug genutzt wer­den. Das scha­det uns allen, nicht nur dem Osten.

Und schließ­lich drit­tens: Wir müs­sen alle zusam­men wie­der ein Gefühl dafür ent­wi­ckeln, wie wert­voll unse­re Frei­heit gera­de heu­te ist. Es mag ein zufäl­li­ges his­to­ri­sches Zusam­men­tref­fen sein, aber weni­ge Wochen vor dem Mau­er­fall, im Juni 1989, zeig­te die chi­ne­si­sche Regie­rung auf dem Platz des himm­li­schen Frie­dens in Peking, wie sie gedenkt, mit dem Ruf nach Frei­heit umzu­ge­hen. Die Demons­tra­tio­nen der Stu­den­ten wur­den zusam­men­ge­schos­sen und von Pan­zern über­rollt. Die­ses Schick­sal hat uns eine bereits geschwäch­te und von Mos­kau fal­len­ge­las­se­ne DDR-Staats­füh­rung damals Gott sei Dank erspart. Aber just in die­ser Woche demons­triert die chi­ne­si­sche Staats­füh­rung zum 70. Jah­res­tag der Staats­grün­dung mit der größ­ten Mili­tär­pa­ra­de seit Jahr­zehn­ten erneut ihren poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Macht­an­spruch, beglei­tet von den weit­rei­chends­ten Ein­schrän­kun­gen und Repres­sa­li­en gegen Mei­nungs­frei­heit und Bür­ger­rech­te in Chi­na seit lan­ger Zeit. Es ist also kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich, dass wir in unse­rem Land heu­te in einer offe­nen, frei­heit­li­chen und libe­ra­len Gesell­schaft leben, in Ost und West. Und es ist kei­nes­wegs sicher, dass mit den tek­to­ni­schen Ver­än­de­run­gen der glo­ba­len Macht- und Ein­fluss­sphä­ren, deren Zeit­zeu­gen wir heu­te sind, das Modell des­de­mo­kra­ti­schen und sozia­len Rechts­staats auf Dau­er obsiegt. Wenn wir das wol­len, müs­sen wir Deut­schen gemein­sam mehr für unse­ren Staat und unse­re frei­heit­li­che Gesell­schaft tun – gera­de wegen unse­rer so unter­schied­li­chen Erfah­run­gen mit Frei­heit und Unter­drü­ckung.

Die­ser Gast­bei­trag erschien zuerst am 3. Okto­ber 2019 auf N‑TV: https://www.n‑tv.de/politik/Freiheit-kann-anstrengend-sein-article21309866.html

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